Türkische Aktien kaufen – Jetzt zugreifen?

Die Türkei gehörte lange zu den Hoffnungsträgern am Aktienmarkt. Die Regierung verbesserte zahlreiche Rahmenbedingungen, die Bevölkerung ist vergleichsweise jung und die Löhne sind vergleichsweise niedrig. Gleichzeitig liegt das Land so nahe an der EU, dass es auch für Hersteller attraktiv ist, die kurze Wege wünschen. Zuletzt aber haben politische Turbulenzen dem Land geschadet. Soll man jetzt türkische Aktien kaufen? Und wo kann man türkische Aktien ordern?

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Wichtigster Aktienindex ist der ISE 100
  • Anstieg um rund 75 Prozent pro Jahr von 1985 bis 2018
  • Währungsentwicklung der Türkischen Lira muss berücksichtigt werden
  • Politische Entwicklung beachten

Was sind MIST-Staaten?

Zusammen mit Mexiko, Indonesien und Südkorea bildet die Türkei die Gruppe der MIST-Staaten. Der Name ist nicht abwertend gemeint, sondern bezieht sich auf die Anfangsbuchstaben der vier Länder. Im Englischen meint “mist” ohnehin keine Mischung aus Exkrementen und Pflanzenbestandteilen, sondern Nebel oder Dunst.

Ist die Türkei ein MIST-Staat?

Weltweit suchen Anleger nach Investitionsmöglichkeiten. Immer wieder kreieren sie dabei auch Staatengruppen wie die BRIC- oder die MIST-Staaten. Oft sind diese Gruppen aber sehr unterschiedlich.

Die MIST-Staaten gelten als Hoffnungsträger der Investoren. Allerdings ist die Gruppe sehr unterschiedlich. Indonesien ist ein klassisches Schwellenland, die Türkei und Südkorea gelten dagegen oft bereits als Industrienationen. Bei Mexiko ist die Bewertung unterschiedlich.

70 Prozent Gewinn pro Jahr

Auf den ersten Blick spricht vor allem der Kurszuwachs beim türkischen Aktienindex ISE National 100 für türkische Aktien. Der Jahresschlusskurs 1985 wurde als 1,0 definiert. Seitdem stieg der Index bis Anfang 2018 auf über 120.000 Punkte. Das entspricht einem Zuwachs von rund 75 Prozent pro Jahr.

Türkischer Aktienindex

Der Anstieg des türkischen Aktienindex ISE National 100 ist beeindruckend. Allerdings müssen Investoren die Inflation beziehungsweise die Abwertung der türkischen Lira berücksichtigen. Quelle: Onvista.de

Allerdings dürfen Investoren dabei die Abwertung der türkischen Lira nicht übersehen. Vor allem in den ersten Jahren des Index blieb ausländischen Investoren daher wenig Gewinn übrig. 1988 bekam man für eine Million türkischer Lira noch 770 US-Dollar, im Jahr 2004 dann nur noch rund 70 Cent. Im gleichen Jahr strich die türkische Regierung sechs Nullen, aus einer Million Lira wurde dann nur noch eine neue türkische Lira.

In den folgenden zehn Jahren halbierte sich der Kurs der neuen Währung wieder, was aber – verglichen mit zuvor – eine vergleichsweise hohe Stabilität bedeutete. Der zunehmend autokratische Kurs der türkischen Regierung führte aber, im Zusammenspiel mit weiteren Problemen, ab 2017 zu einem erneuten Rückgang der Wechselkurse. Hinzu kam in der ersten Jahreshälfte 2018 ein deutlicher Rückgang des ISE National 100.

Jetzt am türkischen Aktienmarkt einsteigen?

Bieten die Verluste am türkischen Aktienmarkt – vor allem gemessen in Euro oder US-Dollar – schon eine Einstiegsgelegenheit? Oder geht es noch weiter abwärts? Mit Sicherheit kann das niemand sagen, aber es lohnt sich ein Blick auf die ganz grundlegenden Vor- und Nachteile des türkischen Aktienmarkts.

Vorteile türkischer Aktien

Mit einem Bruttonationaleinkommen (BNE) von kaufkraftbereinigt rund 30.000 US-Dollar je Person gehört die Türkei weltweit zu den wohlhabenderen Staaten, auch wenn das Einkommensniveau deutlich unter dem deutschen (rund 50.000 US-Dollar im Jahr 2017) liegt. Das Land liegt außerdem nahe an der EU und ist mit der Union wirtschaftlich stark verbunden. Das eröffnet Chancen, gerade wenn steigende Löhne in Ost- und Südostasien sowie der Wunsch nach kürzeren Transportwegen viele Firmen dazu bewegen, ihre Produktion wieder näher an die Absatzmärkte zu bringen. Zumal die Türkei sich in den vergangenen Jahrzehnten trotz einiger Probleme und Putsche als vergleichsweise stabil zeigte, wenn man die Situation mit vielen angrenzenden Staaten vergleicht.

Türkei China

Höhere Löhne in China machen eine Verlagerung der Produktion wieder näher an die Absatzmärkte zusätzlich attraktiv. Die Türkei hat hier Chancen.

Weiteren Schub könnte die Wirtschaft durch eine noch engere Verzahnung mit der EU bekommen, auch wenn eine EU-Mitgliedschaft aktuell weiter entfernt scheint als noch vor zehn Jahren. Für langfristige Investoren kann aber gerade das eine Chance sein, stehen weitere Annäherungen unmittelbar bevor, sind sie meist bereits in den Kursen eingepreist.

Geht das Wirtschaftswachstum weiter?

Zuletzt ist die Wirtschaft teilweise mit 7,0 Prozent pro Jahr gewachsen. Für ein weiteres Wirtschaftswachstum spricht auch die vergleichsweise junge Gesellschaft. Das Durchschnittsalter liegt bei rund 31 Jahren, verglichen mit 47 Jahren in Deutschland. Die Geburtenzahl je Frau liegt aktuell bei 2,0, das entspricht der deutschen von 1970 (aktuell in Deutschland 1,5). Aus Sicht vieler Ökonomen eine demographisch fast perfekte Situation. Die Gesellschaft ist einerseits jung, andererseits sind nicht so viele Kinder zu versorgen wie in Ländern mit weiterhin hoher Geburtenrate. Das bedeutet, dass auf eine Arbeitskraft vergleichsweise wenige zu versorgende Personen (v.a. Kinder und Rentner) kommen.

Auch ihre Lage macht die Türkei attraktiv. Sie gilt als Brücke  von Europa und Asien – tatsächlich liegt die Stadt Istanbul auf beiden Kontinenten. Außerdem wird so oft als Bindeglied zur islamischen Welt gesehen.

Das also sind die wichtigsten Vorteile

  • Niedrige Löhne
  • Vergleichsweise stabile Verhältnisse
  • Nähe zur EU
  • Junge Bevölkerung
  • Brücke zwischen Europa und Westasien

Das spricht gegen ein Türkei-Investment

Im ersten Weltkrieg hatte das Osmanische Reich an der Seite Österreichs, Deutschlands und Bulgariens gekämpft – und verloren. Mustafa Kemal Pascha, später Atatürk, modernisierte das Land daraufhin grundlegend. Das mehrheitlich muslimische Land hatte mit Tansu Çiller schon eine Ministerpräsidentin als Angela Merkel in Bonn noch als “Kohls Mädchen” verspottet wurde. Ab 1999 startete Ministerpräsident Bülent Ecevits eine weitere Modernisierungsrunde, die später von Recep Tayyip Erdoğan fortgesetzt wurden. Es hätte eine Erfolgsgeschichte werden können. In den vergangenen Jahren hat sich das Land aber nach Meinung vieler Beobachter wieder in Richtung Autokratie entwickelt. Konflikte mit anderen Staaten belasteten die Wirtschaft zusätzlich.

Der Islamisierungskurs des aktuellen Präsidenten könnte auch für die Banken zum Problem werden, immerhin hat sich Erdoğan mehrfach als Zinskritiker geäußert. Banken stellen aber drei der vier größten Unternehmen im Index ISE National 100. Auf Platz sieben folgt mit Efes eine Brauerei.

Osmanisches Reich

Das osmanische Reich war einst der mächtigste Staat in Europa und Westasien. Auch Griechenland (im Bild) war Teil des Reiches. Das bringt heute aber nicht nur Vorteile, sondern sorgt noch immer für Spannungen.

Die Nachfolge des Osmanischen Reiches bringt dem Land nicht nur Vorteile. Das Verhältnis zu vielen Nachbarn wie Griechenland oder Zypern ist dadurch belastet, zumal das Land 1974 den Nordteil Zyperns besetzte.

Das spricht gegen türkische Aktien:

  • Politische Unsicherheit
  • Hoher Anteil von Banken unter den größten Aktiengesellschaften

Zwischenfazit

Die Türkei ist ein riskantes, aber auch interessantes Investmentziel. Es sind gleichermaßen hohe Gewinne wie hohe Verluste denkbar.

Wie türkische Aktien kaufen

Am einfachsten können Anleger vom türkischen Aktienmarkt mit Hilfe von Indexfonds partizipieren. Der bekannteste Index ist der bereits mehrfach erwähnte ISE National 100, der die 100 wichtigsten Papiere enthält. Im Gegensatz zum DAX handelt es sich um einen reinen Kursindex. Wer die Entwicklung mit der des DAX vergleicht muss also berücksichtigen, dass Dividenden nicht enthalten sind. Mit diesen Zahlungen würde das Plus noch deutlich höher ausfallen.

Akbank

Die Akbank gehört zu den größten Unternehmen der Türkei.

Fünf der zehn größten Unternehmen im Index sind Banken. Hinzu kommen eine Brauerei, eine Telekom-Unternehmen, ein Stahlwerk, ein Mischkonzern und ein Öl- und Gasunternehmen. Diese zehn Unternehmen sind für mehr als 60 Prozent des Index verantwortlich.

ETFs auf türkische Aktien

Wer nach ETFs auf den Index sucht, wird aber enttäuscht. Die meisten bilden stattdessen den MSCI Turkey oder den Dow Jones Turkey Titans 20 ab. Letzter umfasst, wie der Name schon andeutet, die 20 wichtigsten Aktien des Landes. Das ist vor allem für Anleger attraktiv, die gezielt auf große Unternehmen setzen wollen. Es bedeutet aber auch weniger Risikostreuung und eine starke Konzentration auf den Bankensektor. Abgebildet wird der Dow Jones Turkey Titans 20 beispielsweise vom Lyxor Turkey ETF (ISIN:FR0010326256, WKN:LYX0AK).

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Aktien der Getränkegruppe Efes sind in den meisten Türkei-Fonds enthalten. Das Unternehmen gehört schließlich zu den größten Aktiengesellschaften des Landes – und den größten Brauereien weltweit. Foto: Dave Proffer – Lizenz CC BY 2.0

Etwas breiter aufgestellt ist der MSCI Turkey Index, er umfasst 25 Aktien. Auch hier machen Finanzwerte rund ein Drittel des Index aus. Er lässt sich beispielsweise mit dem HSBC MSCI Turkey UCITS ETF USD (ISIN: DE000A1H49V6, WKN: A1H49V) kaufen. Im Gegensatz zum Lyxor-Fonds wird der Aktienindex physisch repliziert, der Fonds besitzt also wirklich die Aktien, die im Index enthalten sind. Der ETF ist ausschüttend, alle Dividenden werden also ausgezahlt, während sie im Lyxor Fonds sofort reinvestiert werden.

Aktiv verwaltete Fonds

Alternativ zu einem ETF lässt sich natürlich auch ein klassischer, aktiv verwalteter Fonds kaufen. Zu den bekanntesten und größten auf dem deutschen Markt gehört der DWS Türkei, ein Fonds der Deutschen Bank Gruppe (WKN: A0DPW3, ISIN: LU0209404259). Er bildet keinen Index nach, sondern Fondsmanager übernehmen die Auswahl der Papier. Dafür sind die Gebühren aber auch etwas höher. Die jährliche Kostenbelastung liegt mit 2,04 Prozent rund drei Mal so hoch wie bei den beiden vorgestellten ETFs. Gleichzeitig fällt ein einmaliger Ausgabeaufschlag von 5,0 Prozent an. Sparer sollten sich deshalb einen Broker suchen, der auf den Ausgabeaufschlag verzichtet oder ihn zumindest reduziert. Wer 500,- Euro über einen Discount-Broker investiert zahlt üblicherweise rund 10,- Euro Gebühren, also etwa 2,0 Prozent. Viel höher sollte der Ausgabeaufschlag nicht sein. 

Türkische Aktien bei der Consorsbank kaufen

Zu den beliebtesten Brokern in Deutschland gehört nach wie vor die Consorsbank. Hinter der Marke steht die französische BNP Paribas, eine der größten Banken der Welt. Sie betreut unter dem Namen Consorsbank von Nürnberg aus ihre Direktbankkunden in Deutschland.

So präsentiert sich die Consorsbank auf ihrer Homepage

So präsentiert sich die Consorsbank auf ihrer Homepage

Die Orderkosten liegen bei der Consorsbank in einem ähnlichen Rahmen wie bei anderen Direktbanken. Allerdings bieten die Nürnberger immer wieder Sonderaktionen, beispielsweise reduzierte Orderkosten oder höhere Tagesgeldzinsen für Neukunden. Hinzu kommt, dass Anleger bei dem Unternehmen nicht nur Aktien ordern, sondern ihre gesamten Bankgeschäfte abwickeln können. Das reduziert den Aufwand, weil Kunden jetzt nicht jeweils einen eigenen Online-Zugang fürs Tagesgeld, fürs Girokonto, fürs Festgeld und fürs Depot brauchen.

Auch bei aktiven Fonds macht die Bank oft besondere Angebote. Beim DWS Türkei verlangt sie beispielsweise nur den halben Ausgabeaufschlag, berechnet als 2,5 statt 5,0 Prozent. Consorsbank Logo

Fazit

Die Türkei ist ein interessanter Markt. Sie bietet den Zugang zu vielen westasiatischen Märkten und liegt nahe an der EU. Sollten Unternehmen tatsächlich Teile der Produktion aus Fernost wieder näher an die Europäische Union holen, wäre die Türkei für viele sicher ein attraktiver Standort. Hinzu kommen große türkische Firmen, zur Koç Holding gehören beispielsweise bekannte Markennamen wie Beko und Grundig. Gleichzeitig gibt es aber auch politische Risiken. Eine Investition ist vor allem für langfristige Anleger interessant.

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