Grenzen des Wachstums – Die Post-Wachstumsdebatte

Grenzen des Wachstums – Die Post-Wachstumsdebatte

Grenze des Wachstums

Unsere Wirtschaft lebt von der Zunahme der Wirtschaftsleistung. Nur wenn das Bruttoinlandsprodukt solide Wachstumsraten verzeichnen kann, gilt eine Wirtschaft als florierend. Bereits seit den 1970er Jahren gibt es jedoch Zweifel daran, dass Wirtschaftswachstum endlos fortgesetzt werden kann. Stattdessen fordern auch Wirtschaftswissenschaftler eine sofortige Abkehr und sparsamen Umgang mit Ressourcen. Auch der Klimawandel trägt dazu bei, dass die Forderungen nach mehr Nachhaltigkeit immer lauter werden. Doch eine Abkehr vom Wachstum scheint unerreichbar.

Die Grenzen des Wachstums

Die Grenzen des Wachstums werden bereits seit 1972 seit der Vorstellung der gleichnamigen Studie des Club of Rome am St. Gallen Symposium lebhaft diskutiert. Die Studie wollte mit Hilfe von Systemanalysen und Computersimulationen zeigen, dass die Rohstoffvorräte der Erde je nach Szenario innerhalb eines gewissen Zeitraumes aufgebraucht sein werden. Dazu wurden vor allem die Faktoren Industrialisierung, Ausbeutung von Rohstoffreserven, Zerstörung von Lebensraum, Bevölkerungswachstum und Unterernährung beleuchtet und unter verschieden hoch angesetzten Rohstoffvorräten simuliert. Dabei wurden auch landwirtschaftliche Produktion, Geburtenkontrolle und Umweltschutz mit unterschiedlicher Effizienz in den verschiedenen Szenarien integriert.

Das Buch wurde ein Bestseller und mehr als 30 Millionen Mal verkauft, sodass die Ergebnisse auch von einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wurden. Auch durch die Ölkrise im Jahr nach der Veröffentlichung fand vielfach ein Umdenken statt und Umweltschutz und Umweltpolitik gewannen deutlich an Stellenwert.

Ausgehend von der Zunahme der oben genannten Faktoren stellte die Studie fest, dass die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde innerhalb von hundert Jahren erreicht sein werden. Die Studie wurde sowohl 1992 als auch 2004 mit der Grundlage neuerer Daten wie weiteren Rohstoffvorkommen und Technologien ergänzt.

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Wann ist die maximale Bevölkerungszahl erreicht?

Im 30-Jahre-Update von 2004 wurden erneut verschiedene Szenarien errechnet, die größtenteils ebenfalls einen Kollaps bis spätestens 2100 errechneten. Ohne bedeutende Änderung ging die Studie von einem Kollaps ab dem Jahr 2030 aus. Selbst bei Umsetzen von Umweltschutzstandards kann diese Tendenz nur noch abgemildert und nicht mehr verhindert werden. Die einzige Möglichkeit eine nachhaltige Gesellschaft bei ungefähr 8 Milliarden Menschen zu erreichen wäre:

  • Deutliche Einschränkung des Konsums
  • Reduktion des Schadstoffausstoßes
  • Konsequenter Umstieg auf regenerative Energien
  • Kontrolle des Bevölkerungswachstums
  • Umfangreiche Umweltschutzmaßnahmen

Dabei waren die Annahmen allerdings so ambitioniert, dass sie nicht als realistisch gelten könnten.

Was geschieht, wenn die Grenzen des Wachstums erreicht werden?

Die Wissenschaftler der Studie „Grenzen des Wachstums“ gingen bei einem Erreichen der Wachstumsgrenze davon aus, dass sich das Bevölkerungswachstum zunächst unauffällig fortsetzen würde. Erst im Jahr 2100, bei erreichen der absoluten Wachstumsgrenzen, würde sich die Tendenz umkehren und die folgenden Entwicklungen stattfinden:

  • Verteuerung und Verknappung von Lebensmitteln und Ressourcen
  • Einbrechen der industriellen Kapazitäten
  • Starkes Absinken der Bevölkerungszahl

Als einzige Möglichkeit, dieses Szenario zu verhindern gilt, möglichst schnell einen wirtschaftliches und ökologisches Gleichgewicht herbeizuführen und aufrechtzuerhalten.

Warum gilt Wirtschaftswachstum als problematisch?

Warum Wirtschaftswachstum von Vertretern der Postwachstums-Theorie als problematisch angesehen wird, mag unter Umständen nicht direkt einleuchten. Grundsätzlich ist es jedoch so, dass mit dem Wirtschaftswachstum zahlreiche ökologische, soziale und sogar ökonomische Probleme einhergehen. Zwar führt das Wirtschaftswachstum zu einer Steigerung von materiellem Wohlstand, allerdings werden die modernen Gesellschaften zunehmend von einem Lebensstil geprägt, der weit über die Erfüllung der Grundbedürfnisse hinausgeht und zu viele Ressourcen verbraucht.

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Sachwerte gelangen in den Fokus der Anleger

Zugleich legen empirische Studien in den westlichen Industrieländern nahe, dass die Zuwächse der Wirtschaft und des Konsums bereits seit den 1960er keine Steigerung der Lebensqualität erreicht werden konnte. Stattdessen führt die zunehmende Konzentration auf materielle Werte zu Depressionen, Burnout, Angst und Unzufriedenheit. Und auch hierzu trägt das Wirtschaftswachstum bei. Es führt nämlich zu einer Erhöhung der Arbeitsgeschwindigkeit und erhöht so den Stresslevel deutlich.

Die negativen Folgen können dabei auch von positiven Aspekten nicht aufgewogen werden. So ist beispielsweise unumstritten, dass der technische Fortschritt in den letzten Jahrzehnten nur durch das Wirtschaftswachstum möglich geworden ist. Die effizientere Nutzung von Ressourcen führt jedoch fast immer dazu, dass die Einsparungen durch höheren Konsum überkompensiert werden. Zudem gibt es durchaus auch umstrittene Technologien wie Nuklearenergie oder Gentechnik, die deutlich negative Auswirkungen auf die Umwelt haben können, beziehungsweise in ihrer Wirkung noch nicht eingeschätzt werden können.

Im Rahmen der Wachstumskritik werden zudem noch weitere negative Merkmale von zu viel Wachstum angeführt. So war bereits der Österreicher Leopold Kehr 1957 der Meinung, dass die westlichen reichen Volkswirtschaften über eine sinnvolle Größe herausgewachsen waren, was faktisch zu einem Rückgang des Lebensstandards führe. Beispiele hierfür seien die Abnahme der Produktlebensdauer und die geringere Wertschätzung von materiellen Gütern aufgrund des großen Angebotes. Wachstumskritiker gehen zudem auch davon aus, dass Wachstum über einen gewissen Grad hinaus zu folgenden negativen Konsequenzen führe:

  • Fortschreitender Monopolisierung
  • Sinkender Produktqualität
  • Zunehmender Verschuldung
  • Sinkenden Löhnen
  • Erzeugung von fragwürdigen Bedürfnissen

Die Güter, die über die Grundbedürfnisse hinausgehen, müssen anstatt in Maßen in Massen konsumiert werden, damit die Wirtschaft überhaupt noch wachsen kann.

Allerdings steht die Wirtschaft aufgrund des Zinseszinseffekts unter einem stetigen Wachstumszwang. Dieser führt nämlich dazu, dass sowohl Schulden als auch Guthaben exponentiell wachsen. Damit aus der erwirtschafteten Leistung die Zinslast beglichen werden kann, muss die Wirtschaft dauerhaft weiter wachsen.

Ist das Wachstum tatsächlich begrenzt?

Allerdings gibt es auch Wissenschaftler, die anzweifeln, dass das Wachstum tatsächlich Grenzen besitzt. Dabei zweifeln sie allerdings in der Regel nicht an, dass Ressourcen begrenzt und Umweltverschmutzung ein reales Problem darstellen. Die Ökonomin Diane Coyle geht beispielsweise davon aus, dass es andere Möglichkeiten für das Wachstum geben wird.

Möglich wird dies beispielsweise durch immaterielles Wachstum, beispielsweise dadurch, dass sich das Wachstum vom industriellen Sektor in den Dienstleistungs- und Informationsbereich verlagert. Dies sind zentrale Merkmale der New Economy.

Auch qualitatives Wachstum wird von einigen Wirtschaftsexperten als Alternative zum bisherigen Wachstum gesehen. Damit ist vor allem der nachhaltige Verbrauch von Ressourcen gemeint, der durch technischen Fortschritt begünstigt werden kann.

Dementsprechend spricht auch der Wirtschaftswissenschaftler Julian L. Simon davon, dass die menschliche Kreativität als ultimative Ressource bei ausreichender Knappheit der natürlichen Ressourcen Alternativen finden würde.

Ob das Wachstum tatsächlich begrenzt ist, lässt sich demzufolge aus heutiger Sicht nicht sagen. Allerdings wurde auch die Technologiefrage im Rahmen der Studie „Grenzen des Wachstums“ behandelt. Dabei wurden verschiedene Szenarien durchgerechnet:

  • Rohstoffverbrauch durch vollständiges Recycling auf Null gesenkt.
  • Unbegrenzte Rohstoffvorräte
  • Eine massiv verringerte Umweltverschmutzung
  • Erhöhte landwirtschaftliche Produktivität
  • Perfekte Geburtenkontrolle

Dabei wurden alle Faktoren in einem Szenario kombiniert, um die Möglichkeit maximaler Technologie zu simulieren. Doch auch unter diesen Voraussetzungen zeigte sich, dass das System zusammenbrechen muss, wenn das Produktionskapital ohne Begrenzung weiter wächst. Selbst die maximale Technologie war nicht in der Lage, die negativen Folgen dieses Wachstums zu kompensieren. Simon und anderer Kritiker wendeten dagegen jedoch ein, dass der technische Fortschritt nicht ausreichend in der Studie aufgenommen wird und sich nicht einheitlich auf die verschiedenen Wachstumsfunktionen auswirken würde. So könnten bei einer entsprechend verbesserten Technologie Umweltverschmutzung und Ressourcennutzung nur linear ansteigen, während Bevölkerung und Kapital dennoch exponentiell wachsen.

Allerdings erhob die Studie zu keinem Zeitpunkt den Anspruch, allgemeingültig zu sein. Stattdessen verstand sie die Ergebnisse als „Hinweise“.

Dass die Prognosen des Buches stimmen könnten, wird allerdings durch spätere Vergleiche gestärkt. So entsprach beispielsweise die Bevölkerungszahl im Jahr 2000 ziemlich exakt den Vorhersagen. Zudem veröffentlichte Graham Turner (Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation) eine Studie, in denen er die historischen Daten von 1970 bis 2000 mit den Szenarien der Studie verglich und eine große Übereinstimmung mit der Prognose des Standardszenarios fand. Unter diesen Voraussetzungen wird der globale Kollaps bereits in der der Mitte des 21. Jahrhunderts erreicht.

Alternativen zum Wirtschaftswachstum

Aufgrund der Tatsache, dass die Prognosen über die Grenzen des Wachstums von vielen Wissenschaftlern, Politikern und Bürgern als wahrscheinlich wahrgenommen werden, haben sich im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Bewegungen und Schlagworte etabliert, die eine Alternative zum dauerhaften Wirtschaftswachstum suchen.

In den westlichen Industrienationen herrscht allerdings die Meinung vor, dass eine Abnahme des Wachstums nicht unbedingt notwendig sei. Stattdessen sollen „qualitatives“ oder „nachhaltigesWachstum das jetzige quantitative Wachstum ablösen.
Wesentlich weiter gehen Wissenschaftler wie Niko Paech, die eine Postwachstumsökonomie fordern. Nach ihrer Ansicht würden die veränderten Begriffe nur darüber hinwegtäuschen, dass technische Innovationen keine weitere Belastung der Umwelt und der Ressourcen verhindern können. Stattdessen geht sie davon aus, dass Wertschöpfung immer mit ökologischen Schäden einhergeht, die Lebenszufriedenheit durch weiteren Konsum nicht steigt und Verteilungsungerechtigkeit, Hunger und Armut nicht durch Wachstum beseitigt werden können.

Als Lösung stellt sie dabei fünf Entwicklungsschritte vor:

  1. Minimierung des Konsums, der nur minimalen Nutzen stiftet.
  2. Selbst- und Fremdversorgung kombinieren, sodass Geld- und Wachstumsabhängigkeit verringert werden. Hierzu zählen auch:
  • Eigenarbeit
  • Subsistenz
  • Tauschringe und Nachbarschaftshilfe-Netzwerke
  • Community-Gärten
  • Verschenkmärkte
  • Gemeinschaftsnutzung von Geräten und Werkzeugen
  1. Verkürzte Wertschöpfungskette, regionale Märkte, Regionalwährungen
  2. Sinnvolle Konsumansprüche werden verstärkt durch Nutzungsdauerverlängerung und Nutzungsintensivierung optimiert.
  3. Boden- und Geldreform um systemimmanente Wachstumszwänge zu mildern. Abschaffung des Zinses.

Fazit:

Die Kritik am Wirtschaftswachstum ist bereits seit einigen Jahrzehnten relevant und hat bereits dazu geführt, das Worst-Case-Szenario durch Umweltpolitik abzuwenden. Dennoch weisen mathematische Modelle darauf hin, dass ein weiteres Wachstum zwangsläufig zu einem Kollaps führt. Zudem soll ein weiteres Wirtschaftswachstum nicht zu mehr Wohlstand führen, sondern stattdessen sogar primär negative Konsequenzen haben. Um den jetzigen Wohlstand zu erhalten, werden deswegen vor alle im Rahmen von Krisen wie der Finanzkrise ab 2007 Stimmen lauter, die eine Abkehr vom derzeitigen Wirtschaftswachstum fordern und vor allem bei Konsumverhalten und Zinseszins ansetzen.

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