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Börsenpsychologie: Darauf müssen Sie achten

Kaum ein Privatanleger kennt nicht die Probleme, die vom Herdentrieb der Börse verursacht werden. Über- und unterbewertete Aktien, Panikverkäufe, Börsencrashs oder Spekulationsblasen: Sie alle haben letztlich ihren Grund in der Psychologie der Anleger. Auch deswegen versuchen Wirtschaftswissenschaftler aus dem Forschungsfeld Verhaltensökonomik (Behavioral Economics) das menschliche Verhalten in wirtschaftlichen Situationen zu ergründen.

Psychologen an der Börse im Vorteil?

Eine Studie der Universitäten Bonn und Heidelberg kann 2006 zu dem Schluss, dass Psychologen an der Börse erfolgreicher sein können als Wirtschaftswissenschaftler. In einem Internet-Experiment, dass an 35 deutschen Universitäten mit 6.500 Teilnehmern durchgeführt wurde, konnten die Psychologen mit acht Prozent Rendite das Dreifache von Wirtschaftswissenschaftlern und Physikern verzeichnen. BWLer und Mathematiker landeten nur im Mittelfeld.

Als Gründe für den Erfolg der Psychologen nannten die Verfasser der Studie, dass Psychologen überbewerteten Papiern misstrauten und sich gegen den Trend entschieden.

Börsenpsychologie: Wie entscheiden Menschen tatsächlich an der Börse?

Wie sich die Anleger verhalten, hängt von folgenden Prozessen ab:

  1. Wie Informationen wahrgenommen und verarbeitet werden.
  2. Wie Emotionen auf diese Wahrnehmung und Entscheidungen wirken.

Menschen nehmen nämlich Informationen in der Regel nicht gleich stark auf, allerdings gibt es unter den meisten Menschen in vielen unterschiedlichen Situationen Gemeinsamkeiten. Gleiches gilt für die Konsequenzen, die diese Information hat. Nicht all zu selten legen sich Menschen dabei selbst herein.

Wie werden Informationen wahrgenommen?

Wenn Anleger sich mit einer Aktie beschäftigen, ist es unmöglich für sie, alle wichtigen Informationen in ihrer vollen Komplexität gleichermaßen in die Entscheidung einzubeziehen, ob sich ein Kauf lohnt oder nicht. Stattdessen sortiert das Gehirn Informationen aus, die es für unwichtig hält, und vereinfacht andere.

Alleine bei einer einzigen Aktienanalyse müssten Anleger folgende Punkte bedenken:

  • Wichtigsten Kennzahlen der Fundamentalanalyse
  • Aktuelle Marktrichtung
  • Andere (möglicherweise besser geeignete Geldanlagen)
  • Andere Unternehmen
  • Aktuelle Nachrichten der Aktiengesellschaft
  • Weltkonjunktur
  • Mögliche Spekulationsblasen
  • Vertrauenswürdigkeit des Managements

Es ist schlichtweg unmöglich, alle Informationen gleichermaßen zu erfassen.

Die Wahrnehmung von Informationen wird deswegen beeinflusst durch:

  • Vereinfachung

Das Gehirn wäre durch die Flut an Informationen und die Komplexität in so gut wie allen Finanzfragen überlastet. Deswegen vereinfacht es die vorhandenen Informationen deutlich. So treffen Menschen beispielsweise Entscheidungen deutlich häufiger nach einer einfachen, schnellen und in der Vergangenheit erfolgreichen Daumenregel und nicht nach der Analyse aller Möglichkeiten mit allen wichtigen Informationen. Stattdessen werden die vorhandenen Hinweise darauf überprüft, ob sie zumindest grob in bereits erlebte oder erzählte Erfahrungen ähneln.

  • Selektive Wahrnehmung

Menschen haben eine ausgeprägte Tendenz dazu, Informationen zu selektieren. Wer nicht glaubt, dass dies auch auf ihn zutrifft, kann sich hier selbst testen:

Menschen nehmen zudem verstärkt Informationen wahr, die der eigenen Meinung oder Erwartung entsprechen und ignorieren im Gegenzug Hinweise, die diesen nicht entsprechen. Wer also eine vorgefasste Meinung von einer bestimmten Geldanlage hat, wird die Nachrichten stärker bewerten, die dies stützten. Andere werden entweder ignoriert oder als weniger wichtig gewichtet.

  • Kontraste

Informationen, die sich im Kontrast zu anderen Informationen befinden, werden häufig überbewertet. Dazu zählen beispielsweise positive Finanznachrichten eines Unternehmens, das zuvor durch Insolvenzgerüchte in den Nachrichten war. Selbst wenn dies keine Rettung des Unternehmens bedeutet, gilt das Unternehmen daraufhin dennoch unter den meisten Anlegern als wesentlich stabiler.

  • Der Kontext oder Priming

Die erstgenannte Information überschattet alle anderen. Eine positive oder negative Nachricht beeinflusst deswegen die Wahrnehmung aller anderen Nachrichten deutlich und sorgt so dafür, dass diese ebenfalls positiver oder negativer wahrgenommen werden.

Dies gilt beispielsweise auch für die Wahrnehmung von Aktien: Wer mit einer Aktie bereits Verlust gemacht hat, wird diese negativer bewerten als eine Aktie, die er kennengelernt hat, als sie Kurssteigerungen verzeichnen konnte und einer der Lieblinge der Anleger war.

  • Kurz- und Langzeitgedächtnis

Informationen, die sich bereits im Langzeitgedächtnis befinden, sind schwerer aktivierbar. Im Gegensatz dazu sind die Informationen in Kurzeitgedächtnis leichter verfügbar. Anleger geben deswegen aktuellen Informationen eine höhere Bedeutung als zurückliegenden Ereignissen. Die Erinnerung wird zudem durch Anschaulichkeit, Auffälligkeit und Häufigkeit positiv beeinflusst.

Die Wahrnehmung der Informationen ist also bereits zahlreichen subjektiven Einflüssen ausgesetzt, die die Bewertung verfälschen können. Als nächsten Schritt werden die Informationen verarbeitet, auch wenn beides natürlich fast gleichzeitig geschieht. Dabei können folgende Effekte eine effiziente Verarbeitung verhindern:

  1. Komplexitätsreduktion

Menschen können komplexe Probleme nur lösen, in dem sie sie in isolierte Teilbereiche zerlegen. Der übergreifende Aspekt wird dagegen häufig nicht ausreichend bedacht. Dies spielt beispielsweise bei der Diversifikation von Portfolios eine große Rolle.

  1. Verankerungsheurisitk

Menschen suchen sich Bezugspunkte, die von Wirtschaftswissenschaftlern auch als „Anker“ bezeichnet werden. Ein solcher Anker wäre beispielsweise ein Höchst- oder Tiefkurs. Von dieser Stelle aus beginnen die Anleger dann ihre Analyse und nutzen dies als Grundlage für weitere Prognosen.

Bei der Aktienanlage spielt auch die „Status quo Bias“ eine wichtige Rolle. Der Mensch geht immer eher davon aus, dass Situationen aber auch Bewegungen gleich bleiben. Aktien, die steigen, werden also weiter zulegen. Genauso werden zu große Umbrüche wie Börsencrashs, Wirtschaftskrisen oder Kriege häufig verdrängt, auch wenn sie wahrscheinlicher werden.

  1. Inside-View-Effekt

Wer sich auf ein bestimmtes Thema spezialisiert hat, ist zu sehr darin gefangen und lässt sich nur ungern vom Gegenteil überzeugen. Dies kann auch im Rahmen von Strategien oder Wirtschaftstheorien auftreten.

  1. Repräsentativitätsheurisitk

Menschen suchen nach Mustern und finden sie selbst da, wo es keine gibt. Das kann dazu führen, dass bestimmte Kursverläufe oder Marktbewegungen aufgrund vergangener Ereignisse erwartet werden, die so aber natürlich nicht eintreffen wird. In den gleichen Bereich zählt auch das Verallgemeinern von Einzelvorkommnissen.

All dies führt dazu, dass Menschen Informationen nicht objektiv aufnehmen können. Stattdessen sind sowohl die Wahrnehmung als auch die Verarbeitung durch verschiedene Effekte beeinflusst, die zu Fehleinschätzungen und –entscheidungen führen können.

Wie menschliche Entscheidungen beeinflusst werden.

Auch die Entscheidungsfindung ist nicht unbeeinflusst. Vor allem emotionale Einflüsse führen häufig dazu, dass Anleger Fehlentscheidungen treffen. Der Mensch ist zudem verschiedenen Bedürfnissen ausgesetzt. Dies wurde auch im Rahmen der Sozialwissenschaften immer wieder postuliert. In der Verhaltensökonomie gelten die folgenden Bedürfnisse als entscheidend bei finanziellen Entscheidungen:

  1. Hoher Selbstwert

Der Selbstwert wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst. Die meisten Menschen tendieren dazu, Misserfolge zu externalisieren und Erfolge zu internalisieren, also auf die eigenen Fähigkeiten zurückzuführen. Für Anleger könnte dies beispielsweise bedeuten, dass er Kurssteigerungen einer seiner Aktien auf sein Finanzwissen und –geschick zurückführt und Kursverluste auf Fehlverhalten der Masse an der Börse schiebt – die Aktie aber natürlich eigentlich mehr wert ist.

Das führt zum einen dazu, dass Menschen ein positives Selbstbild erhalten können, zum anderen jedoch auch dazu, dass Fehler teilweise nicht erkannt werden. In besonders ausgeprägten Fällen führt dies zu einer übertriebenen Selbstsicherheit, die auch als Overconfidence bezeichnet wird und zu weiteren Fehlentscheidungen führen kann.

  1. Dissonanzfreiheit

Menschen mögen es nicht, wenn sich Informationen oder Verhaltensweisen widersprüchlich darstellen. Deswegen versuchen sie, die erhaltenen Informationen in Einklang zu bringen, in dem sie nur noch Argumente anerkennen, die den Widerspruch beseitigen oder ihn zumindest nicht verstärken.

Dies kann vor allem bei der Geldanlage zu einem wichtigen Problem werden. Kognitive Dissonanzen treten umso häufiger auf, je wichtiger die Entscheidung ist und je ähnlicher die Alternativen sind.

  1. Kontrolle

Menschen möchten Dinge und Situationen kontrollieren. Dies gilt im besonderen Maße für Geldanlagen, die sich auf die Zukunft deutlich auswirken können. Auch das Bedürfnis nach Kontrolle nimmt deswegen Einfluss auf die Entscheidungsfindung.

So erklärt sich beispielsweise, warum Anleger in der Regel vor allem in ihren Heimatmarkt investieren. Sie haben dort das Gefühl, die Unternehmen besser zu kennen und somit die Ereignisse besser vorhersagen zu können. Beides sind zwei der fünf Kontrollebenen.

Das Gefühl von Kontrolle können Anleger zudem auch erhalten, in dem sie Ereignisse nachträglich erklären oder sogar schön reden. Allerdings hilft beides für zukünftige Anlageentscheidungen nicht immer weiter. Die nachträgliche Erklärung wird häufig durch spätere Ereignisse verwässert und die eigentliche Situation, in der eine Kauf- oder Verkaufsentscheidung getroffen wurde, umgewertet. Deswegen lassen sich nur teilweise tatsächlich Erkenntnisse aus der nachträglichen Erklärung ableiten.

Weiterer Faktor: normativer Druck oder Massenpsychologie

Darüber hinaus gibt es einen weiteren wichtigen Faktor, der die Entscheidung einzelner Anleger beeinflusst, nämlich das Verhalten der Gruppe und der (vorgestellten) Bewertung durch die anderen Mitglieder.

Dies wird auch als normativer Einfluss bezeichnet und ist selbst dann vorhanden, wenn kein anderer Mensch über die Entscheidungen in Kenntnisse gesetzt werden muss. Anleger verhalten sich dann dennoch häufig so, wie es dem Trend entspricht, auch wenn sie eigentlich einschätzen können, dass dieses Verhalten nicht unbedingt sinnvoll ist. Gruppen sind darauf angewiesen, einen Konsens zu finden, um ihr Fortbestehen zu sichern und häufig führt dies dazu, dass sich einzelne Mitglieder unterordnen.

Verstärkt tritt dieses Phänomen dann auf, wenn Menschen an der gleichen Sache arbeiten. Dies erklärt, warum Analysten in der Regel die gleichen Prognosen liefern.

Vor allem der normative Einfluss ist es, der dazu führt, dass die Börse eher zeigt, wie die Anleger Aktien derzeit bewerten, als dass sie nach der Effizienzmarkthypothese funktionieren würde.

Auch die Entscheidungsfindung treffen Privatanleger also nicht ausschließlich auf den vorhandenen Informationen. Stattdessen findet auch hier noch einmal eine Selektion statt und vor allem eine Bewertung der zukünftigen und vergangenen Entscheidungen.

Fazit:

Dass Privatanleger häufig Fehlentscheidungen treffen, liegt vor allem daran, dass sowohl die Wahrnehmung als auch die Verarbeitung von Informationen nicht umfassend und unbeeinflusst geschehen kann. Auch in der Entscheidungsfindung können Menschen nicht alle ihnen eigentlich zur Verfügung stehenden Informationen nutzen, da sie immer auch Bedürfnisse erfüllen wollen.

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