Was bedeutet der Brexit für deutsche Kleinanleger?

Was bedeutet der Brexit für deutsche Kleinanleger?

Brexit

Auch deutsche Kleinanleger sind auf unterschiedliche Arten von der Entscheidung Großbritanniens betroffen, der EU den Rücken zuzukehren. Dabei sind nicht alle Einflüsse direkt auf dem ersten Blick zu erkennen und Anleger müssen wachsam bleiben.

Vielfältige Verflechtungen

Eines der Hauptprobleme, das derzeit auf Kleinanleger wartet, ist die Tatsache, dass die Verflechtungen zwischen EU und Großbritannien nicht in ihrer Gänze leicht zu erkennen ist. Vor allem ist nicht absehbar, ob beispielsweise Unternehmen unter dem Brexit leiden werden und in welchem Ausmaß. In vielen Fällen ist es im Gegenteil sogar möglich, dass britische Unternehmen und ihre Aktienkurse aufgrund des EU-Ausstieges Auftrieb erhalten. Verschieden Faktoren beeinflussen dies auf eine Art und Weise die derzeit noch nicht absehbar ist. Es gibt allerdings Entwicklungen, die als deutlich wahrscheinlicher gelten.

Aktienkurse erhalten Auftrieb während Konjunktur stockt

So gehen beispielsweise die meisten Wirtschafsexperten davon aus, dass sich der Brexit in Europa und Großbritannien an den Aktienmärkten eher mit steigenden Kursen bemerkbar machen wird. Dies liegt allerdings vor allem daran, dass sie weiterhin günstiges Geld erwarten. Aufgrund der niedrigen Zinsen sind Aktien dann deutlich attraktiver. Sowohl die britische als auch die europäische Notenbank verfolgt derzeit eine lockere Zinspolitik und ihre Ankündigungen lassen eher vermuten, dass diese sich gerade bei Querelen um den Brexit fortsetzten wird.

Hierfür spricht auch die Tatsache, dass die meisten Analysten davon ausgehen, dass sich die Konjunktur in ganz Europa durch den Brexit eintrüben wird. Der IWF hält es dabei sogar für möglich, dass sich das Wirtschaftswachstum im kommenden Jahr sogar halbieren könnte, wenn die Regierungen nicht die richtigen Maßnahmen treffen, um den EU-Ausstieg zu begegnen. Am stärksten betroffen soll Großbritannien selbst sein, dass möglicherweise sogar bis zu minus 0,9 Prozent Wachstumseinbruch verkraften wird müssen. Zudem geht der IWF in dieser Prognose davon aus, dass EU und Großbritannien die Verhandlungen schnell lösen können und ohne größere Handelsbeschränkungen, Marktturbulenzen oder politischen Unsicherheit bewältigen.

Bildschirmfoto 2016-02-26 um 20.13.13

Nachhhaltige Aktien zahlen sich auch langfristig aus

Deutschlands Wirtschaft könnte zudem vom Brexit besonders betroffen sein. Immerhin ist Großbritannien nach den USA der wichtigste Exportpartner. Durch das steigende Pfund und eventuelle Handelsbeschränkungen könnten bis zu 1,7 Prozent des deutschen BIP wegfallen. Auch deswegen gilt Deutschland als eines der Länder, die vom Brexit deutlich in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.

Britische Aktien als Gewinner

Dabei sind die Aktien britischer Unternehmen bislang die großen Gewinner gewesen. Nachdem der britische Leitindex FTSE100 lange Zeit hinter der Performance anderer EU-Aktienmärkte mit nur durchschnittlich 2 Prozent jährlich seit der Finanzkrise zurückblieb, legte er in den Wochen nach dem Votum deutlich zu. Dies ist auch durchaus verständlich. Das günstige Pfund sorgt dafür, dass die britischen Unternehmen im Ausland deutlich konkurrenzfähiger werden und ihre Waren oder Dienstleistungen für weniger Geld anbieten können. Zudem verteuern sich Konkurrenzprodukte aus dem Ausland deutlich. Das bedeutet, dass die Unternehmen auch auf heimischen Märkten an Wichtigkeit gewinnen. Auf der anderen Seite bedeutet dies nicht unbedingt, dass sie mehr Absatz verzeichnen können, da sich die Stimmung der Konsumenten deutlich eintrübt. Ein Problem ist das günstige Pfund auch für alle weiterverarbeitenden Industrien, die auf Rohstoffe aus anderen Staaten angewiesen sind.

Dennoch trauen die Anleger gerade international agierende Unternehmen zu, trotzt des Brexits erfolgreich zu bleiben. Ein weiterer wichtiger Punkt, der den Anstieg der Aktienkurse erklärt, ist die Tatsache, dass die Aktien für ausländische Investoren durch das Pfund deutlich günstiger geworden sind. Betroffen sind allerdings die international tätigen Konzerne des FTSE 100. Deutlich mehr Sorgen bereiten den meisten Analysten die deutlich kleineren Unternehmen im FTSE 250, die stärker auf die heimische Wirtschaft fokussiert sind. Demzufolge verlor dieser Index auch nach dem Votum deutlich.

Finanzbranche besonders betroffen

Die britischen Unternehmen, die in der Finanzbranche tätig sind, gelten durch den Brexit als besonders gefährdet. London gilt zwar nach wie vor als das Finanzzentrum Europas, allerdings ist nicht klar, ob es diesen Status erhalten kann. Beschränkungen bei Dienstleistungen und Transfers sowie Schwierigkeiten bei Arbeitsvisen könnten dazu führen, dass Luxemburg oder Frankfurt dem Finanzzentrum den Rang ablaufen. Dann könnte sich gerade für Fintechs Nachteile ergeben, die zu einer Abwanderung führen würde. Dies könnte dann zu einer Verlagerung von Kompetenzen und Infrastrukturen führen, die den Standort London deutlich schwächen würde und unter der ganz Großbritannien leiden würde. Immerhin handelt es sich um die wichtigste Branche des Vereinigten Königreichs.

Allerdings ist nicht klar, inwiefern die Finanzbranche tatsächlich unter Einschnitten leiden wird. Die EU ist fast genauso daran interessiert, Großbritannien und die Handelsbeziehungen stabil zu halten wie das Königreich selbst. Demzufolge gilt es nicht als all zu wahrscheinlich, dass es tatsächlich in den Beziehungen zu sehr umfangreichen Einschränkungen kommen sollte. Dennoch müssen Kleinanleger hier acht geben und sich darüber im Klaren sein, dass ein Investment in den britischen Finanzsektor derzeit ein erhöhtes Risiko birgt.

Britische Aktien für deutsche Kleinanleger?

Aus den obigen Ausführungen ergibt sich, dass Kleinanlegern nicht grundsätzlich von Aktien von britischen Unternehmen abgeraten werden kann. Allerdings sollten sie sich darüber im Klaren sein, dass es sich derzeit um ein erhöhtes Risiko handelt und viele Wertpapiere zudem eine erhöhte Volatilität aufweisen werden, bis der Brexit tatsächlich vollzogen ist. Gerade aufgrund des niedrigen Pfundes ergeben sich derzeit interessante Investitionsmöglichkeiten. Allerdings drohen mit dem Brexit Beschränkungen und Schwierigkeiten bei Investments aus dem Ausland. Anleger sollten dies wissen und im Zweifel eher in internationale Konzerne denn in mittelständische Unternehmen investieren.

Immobilienfonds als Verlierer

Viele Immobilienfonds könnten zumindest kurz- bis mittelfristig die größten Verlierer sein. Während außerhalb der britischen Inseln kaum Gefahr droht, sind britische Immobilienfonds besonders stark betroffen. Grundsätzlich wird es durch den Brexit durch viele Entwicklungen wahrscheinlich, dass die Grundstückkosten und Immobilienpreise sinken. Zum einen soll sich die Konjunktur eintrüben, zum anderen wandern viele Banken, Dienstleister und Industrie ab. Das führt zu einer deutlich geringeren Nachfrage nach Immobilien. Allerdings wird der Einbruch möglicherweise weniger stark ausfallen als befürchtet, da die britische Zentralbank mit großer Wahrscheinlichkeit versuchen wird, die britische Wirtschaft durch günstiges Geld zu stützen. Üblicherweise führt dies zu einem Anstieg der Nachfrage nach Immobilien, die als Inflationsschutz gelten und in diesen Zeiten durch günstige Bauzinsen leichter finanziert werden können.

Viele offene Immobilienfonds verweigern aus Angst vor Liquiditätsproblemen Anlegern die Auszahlung ihres Investments. Rund die Hälfte des eingesetzten Kapitals soll betroffen sein.

Start-Up-Szene in Berlin könnte profitieren

Für alle Kleinanleger, die besonders gerne in Start-Ups investieren, könnte der Brexit positive Folgen haben. Ohnehin zählt Berlin in der Gründerszene als härtester Konkurrent zu London. Zwar gab es im Jahr 2015 immer noch mehr neugegründete Unternehmen in London, allerdings floß bereits im vergangenen Jahr deutlich mehr Venture Capital nach Berlin. Mit dem Brexit gilt die Ablösung Londons als Nr. 1 für Start-Ups als besiegelt. Fast jeder geht davon aus, dass die Londoner Startup-Szene unter einer Abwanderung von Talent und Geld nach Berlin leiden wird.

Für deutsche Kleinanleger könnte dies das Investment in Start-Ups deutlich erleichtern:

  • Räumliche Nähe
  • Rechtliche Voraussetzungen
  • Sprachhürden werden in vielen Fällen wegfallen
  • Mehr Investitionsmöglichkeiten über deutsche Anbieter

Gold steigt im Kurs

Schon kurz nach der Verkündung des Votums wurde klar: Der Goldkurs ist zumindest zeitweise der große Gewinner des Brexits. Ohnehin bescheinigen Chartanalysten dem Edelmetall seit Beginn des Jahres einen deutlichen Trend aufwärts. Zwar fällt der Goldkurs nur vier Wochen später wieder deutlich, allerdings ist das Edelmetall seit jeher als krisenresistent bekannt und wird wohl auch bei neuen Informationen zu Einzelheiten der Verhandlungen zum EU-Austritt erneut zulegen können. Hinzu kommen Krisennachrichten von Italiens Banken. Gold bleibt also aller Voraussicht nach der sichere Hafen, auch wenn derzeit fraglos nicht der günstigste Einstieg möglich ist. Auch hier gilt allerdings nach wie vor, dass Gold keinen zu großen Anteil bei der Geldanlage haben sollte.

Änderungen bei Staatsanleihen

Bereits vor dem Votum fiel die Rendite für Staatsanleihen Deutschlands mit zehnjähriger Laufzeit unter Null. Dieses Novum wurde dem drohenden Brexit zugeschrieben. Mit dem Votum gilt es zudem als wahrscheinlich, dass deutsche Staatsanleihen noch gefragter werden und weiter in den negativen Renditebereich absinken. Auf der anderen Seite steigt die Rendite in den südlichen Euro-Ländern. Grund dafür ist, dass viele Anleger ein Scheitern der EU und des Euros für wahrscheinlicher halten und das erhöhte Risiko eingepreist wird.

Britische Bonds zählten in den ersten Wochen nach dem Brexit als Gewinner. Mittelfristig ist damit allerdings nicht zu rechnen. Die meisten Analysten erwarten eher, dass die Finanzierungskosten in Großbritannien ansteigen werden. Auch die größten Rating-Agenturen sehen die Entwicklung nach dem Referendum eher skeptisch. Moody’s senkte die Bewertung von stabil auf negativ, hielt allerdings an der zweithöchsten Bewertung fest. Standard & Poor’s senkte das Rating hingegen um zwei Stufen, nachdem Großbritannien dort zuvor noch die Bestnote erhalten hatte. Wer also weiterhin Vertrauen in die britische Wirtschaft und die Bonität des Landes hat, wird in der Zukunft eine steigende Rendite bei Anleihen erwarten dürfen.

Fazit:

Kleinanleger können den Brexit auf unterschiedliche Arten nutzen. Vor allem Staatsanleihen des Vereinigten Königreiches dürften in der Zukunft deutlich attraktiver werden. Auch internationale Konzerne empfehlen sich als Investitionsmöglichkeiten. Vorsicht ist bei kleinen lokalen oder regionalen Unternehmen geboten und auch der Finanzsektor ist derzeit mit größerem Risiko behaftet. Mittelfristig könnten sich zudem in Deutschland mehr Investitionsmöglichkeiten in interessante Start-Ups ergeben. Der Goldpreis zog deutlich an, dennoch ist das Edelmetall zur Absicherung der Brexit-Risiken nach wie vor geeignet.

Top 5 Aktien Broker