Das magische Viereck – Was Anleger über die vier wichtigsten Wirtschaftskennzahlen wissen sollten

Das magische Viereck – Was Anleger über die vier wichtigsten Wirtschaftskennzahlen wissen sollten

Magisches Viereck Anlageformen

Das Magische Viereck ist ein Konstrukt, das jedem Wirtschaftsstudenten bekannt ist. Überraschend wenige Anleger wissen allerdings etwas mit den Kennzahlen anzufangen, um die es im Rahmen des volkswirtschaftlichen Systems geht. Dabei gelten das Preisniveau, die Arbeitslosigkeit, das Wirtschaftswachstum und das außenwirtschaftliche Gleichgewicht als die wichtigsten Komponenten moderner Volkswirtschaften. Sie haben großen Einfluss auf die internationalen Finanzmärkte – und damit auch auf die Rendite von Anlegern.

Die vier Zielsetzungen

Genauer gesagt beinhaltet das magische Viereck wirtschaftspolitische Zielsetzungen. In Deutschland sind diese Ziele sogar im Stabilitätspakt fest verankert. Rein theoretisch muss die Bundesregierung ihre komplette Wirtschaftspolitik darauf ausrichten, folgende Ziele zu erreichen:

  • Hoher Beschäftigungsstand / Vollbeschäftigung
  • Preisniveaustabilität
  • Angemessenes Wirtschaftswachstum
  • Außenwirtschaftliches Gleichgewicht

Für Anleger ist das insofern von Bedeutung, als dass sich das Handeln der Bundesregierung auf Basis der vier Ziele teilweise prognostizieren lässt. Sind alle vier Ziele erreicht, sprechen Wirtschaftsexperten von einem gesamtwirtschaftlichen Gleichgewicht. In der Praxis ist es allerdings kaum möglich, dass alle Zielsetzungen gleichzeitig erfüllt sind. Das Viereck ist also insofern magisch, als dass immer nur einzelne Komponenten wie erwünscht ausfallen.

Consorsbank Analyse

Die Consorsbank bietet die wichtigsten Kennzahlen der Aktien

Es existieren gleich eine ganze Reihe von sogenannten Zielkonflikten. Ein hoher Beschäftigungsstand wird beispielsweise allgemein als positiv angesehen. Sind allerdings viele Arbeitnehmer beschäftigt, steigt die Kaufkraft. Dadurch erhöhen die Unternehmen wiederum die Preise, was zur Inflation führt. Selbiges gilt für ein angemessenes Wirtschaftswachstum, das meist ebenfalls Preissteigerungen verursacht.

Je nachdem welches der Ziele sich gerade im Gleichgewicht befindet und wo Verbesserungsbedarf besteht, werden bestimmte Maßnahmen von der Bundesregierung oder übergeordneten Instanzen wie der Europäischen Zentralbank (EZB) eingeleitet. Um der Inflation Herr zu werden, erhöhen Zentralbanken beispielsweise grundsätzlich die Leitzinsen. Dadurch steigt die Attraktivität von Festgeldanlagen, was wiederum für private Anleger von Interesse ist.

Die Zielwerte und Messmethoden im Detail

Die recht allgemein gehaltenen Ziele, sind im Gesetz und der Praxis recht klar definiert. Für alle Kennzahlen existieren Werte, die nach Möglichkeit erreicht werden sollten.

Preisniveaustabilität

Das Preisniveau einer Volkswirtschaft wird anhand von Warenkörben ermittelt. Diese geben das durchschnittliche Konsumverhalten einer Gesellschaft an. Laut Bundesregierung und EZB liegt das Inflationsziel zwischen 0 und 2 Prozent. Tendenziell sind Werte nahe der Obergrenze zu bevorzugen. Eine moderate Inflation hat nämlich zur Folge, dass private Haushalte ihr Kapital investieren und nicht aufs Sparbuch legen. Schließlich wird es durch die Inflation ständig weniger Wert. Würde die Inflation hingegen über einen Wert von 2 Prozent gelangen, wäre sie zu stark spürbar. Haushalte würden dann paradoxerweise vermehr sparen, um den Preissteigerungen entgegen zu wirken. Das führt wiederum zu geringeren Gewinnen bei Unternehmen und Entlassungen.

Hoher Beschäftigungsstand

Die Arbeitslosenquote einer Volkswirtschaft wird ermittelt, indem die Anzahl der registrierten Arbeitslosen durch die Summe aus der Anzahl der zivilen Erwerbstätigen und der Anzahl der Arbeitslosen geteilt wird. Eine Arbeitslosenquote von rund 3 Prozent gilt dabei schon als Vollbeschäftigung. Der Grund hierfür ist die sogenannte friktionelle Arbeitslosigkeit. Es handelt sich dabei um Arbeitnehmer, die etwa aufgrund eines Wohnortswechsels kurzfristig arbeitslos sind oder einen besseren Job suchen. Hingegen wird die Lage in einer Nation ernst, wenn über 10 Prozent der Bevölkerung keiner Beschäftigung nachgeht. Dann ist nicht nur die wirtschaftliche Situation stark angeschlagen, auch das politische Umfeld beginnt, instabil zu werden.

Außenwirtschaftliches Gleichgewicht

Das außenwirtschaftliche Gleichgewicht berechnet die Differenz aus Exporten und Importen. Auf lange Sicht sollte die Kennzahl möglichst stabil und ausgeglichen sein. Zu hohe heutige Exporte sind zwar gut für das Wirtschaftswachstum bzw. resultieren aus einer starken Wirtschaft, dafür wächst die Inflation möglicherweise zu stark. Zudem werden dann in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit hohe Importe durchgeführt, um den aufgebauten Überschuss wieder abzubauen.

Angemessenes Wirtschaftswachstum
Wachstum wird oft als das Ziel der Wirtschaftspolitik überhaupt angesehen. Nur wenn Industrienationen stetig wachsen, kann der Wohlstand dauerhaft auf einem hohen Niveau gehalten bzw. ausgebaut werden. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland soll nach Möglichkeit zwischen 1 und 2 Prozent pro Jahr liegen. Aber auch Werte, die grundsätzlich ein positives Vorzeichen haben, sind für den Gesetzgeber noch akzeptabel. Deutlich höhere Zahlen sind in großen Industrienationen kaum möglich.

Auswirkungen des magischen Vierecks für Anleger am Beispiel der EZB

Das magische Viereck ist kein theoretisches Konstrukt. Regierungen und Institutionen handeln tatsächlich nach diesen Maximen. Das beste Beispiel ist die aktuelle Geldpolitik der EZB. Auch wenn die Zentralbank theoretisch als einziges Ziel hat, die Inflation zwischen 0 und 2 Prozent zu halten, versucht sie aktuell, das Wirtschaftswachstum zu befeuern.

Seit der Finanzkrise 2008 senkte die EZB die Leitzinsen stetig. Spätestens seit Griechenland ab 2011 stark in die Bredouille geriet, befinden sich die Zinsen auf einem Rekordtief. Der Gedanke der Währungshüter ist folgender:

  1. Die EZB senkt den sogenannten Leitzinssatz. Dadurch können sich Großbanken günstiger Geld bei der EZB leihen, was wiederum Anreize setzt, genau das zu tun.
  2. Das geliehene Geld nutzen die Großbanken anschließend, um es in den realen Wirtschaftskreislauf zu bringen. Sie verleihen es über andere Banken an private Haushalte und Unternehmen weiter.
  3. Durch die Konkurrenzsituation auf dem Bankenmarkt erhalten die Haushalte und Unternehmen ebenfalls günstige Konditionen für neue Darlehen. Dadurch nehmen sie Kredite auf, um Investitionen zu tätigen oder zu konsumieren.
  4. Durch die erhöhte Investitionsbereitschaft zieht die Wirtschaft wieder an. Unternehmen reagieren auf die gestiegene Konsumnachfrage mit Neueinstellungen, die Arbeitslosigkeit sinkt und das Wirtschaftswachstum steigt.

Soweit die Theorie, die in vielen Fällen bisher auch in der Praxis eingetroffen ist. In der Praxis zeigt sich, dass vor allem der zweite Schritt in Teilen ausbleibt. Großbanken vertrauen – vor allem im südeuropäischen Raum – anderen Banken und Unternehmen nicht wirklich. Sie investieren das günstige Geld vielmehr auf dem Aktienmarkt. Das ist einer der Gründe dafür, warum Dax, Dow Jones – auch die amerikanische FED senkte die Zinsen stark – und Co. in den vergangenen Jahren so stark anzogen. Seit 2008 konnte der deutsche Leitindex um mehrere tausend Punkte zulegen und ist längst auf Rekordniveau.

Zinssenkungen der EZB haben noch eine zweite Wirkung. Banken können Geld zwar günstiger bei der EZB aufnehmen, gleichzeitig erhalten große Kreditinstitute aber auch weniger Kapital für Geldanlagen bei der EZB. Die Fest- und Tagesgeldzinsen sinken für private Verbraucher entsprechend. In wirtschaftlich schlechten Zeiten ist es daher generell wenig rentabel, sichere Sparanlagen abzuschließen. Folglich gehen Anleger dazu über, ihr Geld ebenfalls an den Aktienmärkten anzulegen, was zu weiteren Kurssteigerungen führt.

Diese Spirale kann natürlich nicht ewig weitergeführt werden. Anleger sollten immer darauf achten, dass sich keine Blasen bilden. Zudem erhöhen Zentralbanken die Zinsen meist wieder, wenn eine Inflationsgefahr droht bzw. sich die Wirtschaft wieder erholt hat. Dann werden wiederum Festgeldanlagen attraktiver und den Aktienmärkten wird Geld entzogen. Das sorgt für Kursverluste und macht kurzfristiges Wachstum unwahrscheinlich.

Die Erweiterung des Vierecks

Das magische Viereck kann prinzipiell beliebig erweitert werden. Auch das ist für Anleger interessant, handeln doch viele Wirtschaftspolitiker mittlerweile auch nach folgenden Maximen:

  • Ausgeglichene öffentliche Haushalte
  • Gerechte Einkommensverteilung
  • Umweltschutz
  • Humane Arbeitsbedingungen
  • Sicherung von Ressourcen

Insbesondere das Zusammenspiel von Umweltschutz und Wirtschaftswachstum ist interessant. So werden aktuell beispielsweise regenerative Energien stark vom Staat subventioniert. Die Aktienkurse entsprechender Unternehmen stiegen dadurch in den kommenden Jahren stark an. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass die Branche einen starken Fall erlebt, wenn die Wirtschaftspolitik nicht mehr an den Subventionen interessiert ist.

Umgekehrt gilt das Ganze auch, wie vor allem die Beispiele E.on und RWE zeigen. Lange Zeit galten die Wertpapiere als renditestark. Kurseinbrüche waren jahrelang nicht zu verzeichnen, es ging kontinuierlich bergauf. Beide Konzerne agieren schließlich in einer Branche, die nicht krisenanfällig ist. Auch während wirtschaftlichen Flauten benötigen Haushalte und Unternehmen Energie

Im Jahr 2008 änderte sich die Lage allerdings durch den Beschluss der Energiewende. Die Bundesregierung stellte einen Plan vor, aus Atomenergie auszusteigen und erneuerbaren Energien zu fördern. RWE und E.on hatten bis dato vor allem auf Braunkohle und andere fossile Brennstoffe gesetzt. Entsprechend fielen die Wertpapiere binnen weniger Tage um mehr als 80 Prozent.

Auch die gerechte Einkommensverteilung kann Anleger treffen. Im Zuge der Finanzkrise 2008 wurde etwa diskutiert, eine Finanztransaktionssteuer einzuführen. Der Gesetzentwurf sah vor, auf jede Finanztransaktion rund 1 Prozent an Steuern aufzuschlagen. Wäre die Steuer eingeführt worden, um Vermögen umzuverteilen, hätte das vor allem Viel-Trader getroffen. Jede Positionseröffnung hätte dann theoretisch 1 Prozent mehr an Kosten verursacht.

Fazit: Theoretisches Konstrukt mit praktischen Auswirkungen

Das magische Viereck ist eines der ältesten Modelle der Wirtschaftswissenschaften. Grundsätzlich beschreibt es das Zusammenspiel von Wirtschaftswachstum, Arbeitslosigkeit, Inflation und Außenhandel. Zwischen all den Kennzahlen bestehen wechselseitige Zielbeziehungen. Lassen sich etwa ein angemessenes Wirtschaftswachstum und sinkende Arbeitslosigkeit gut in Einklang bringen, leidet darunter oft die Inflation. Das Viereck kann dabei um weitere Aspekte wie etwa soziale Gerechtigkeit oder Umweltschutz erweitert werden. Die Zielsetzungen der Wirtschaftspolitik haben dabei direkte Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Das aktuell beste Beispiel ist die lockere Geldpolitik der EBZ. Sie basiert auf dem wirtschaftspolitischen Ziel des angemessenen Wirtschaftswachstums und bewirkt gleichzeitig, dass die Aktienkurse seit Jahren steigen. Aber auch der Beschluss der Energiewende hatte einen Einfluss auf die Märkte: die Aktien großer, alteingesessener Energiekonzerne mussten teils drastische Einbrüche verzeichnen.

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